Chinas Wirtschaft: Das Warten auf politische Impulse

Jüngst veröffentlichte Daten zeigen eine marginale Verbesserung des Wachstumsumfelds, die auch zur Stabilisierung der Anlegerstimmung beitragen könnte. Möglicherweise müssen Anlegerinnen und Anleger allerdings geduldig auf klarere politische Signale warten.

Zusammenfassung

  • Die wichtigsten Wirtschaftskennzahlen Chinas haben sich infolge der Konjunkturmaßnahmen in den letzten Monaten des Jahres 2023 stabilisiert.
  • Das Konsumklima, die privaten Geschäftsaktivitäten und das Vertrauen im Immobilienmarkt dürften aber gedämpft bleiben und stärkere Maßnahmen erforderlich machen.
  • Eine entscheidende Rolle als Kickstarter für den Konjunkturmotor Chinas dürfte die von geldpolitischen Tools begleitete Fiskalpolitik spielen.
  • Chinesische Aktien werden mit attraktiven Bewertungen gehandelt und für die langfristige Portfoliokonstruktion lassen sich strukturelle Wachstumschancen nutzen. Weitere politische Impulse könnten in den kommenden Monaten bevorstehen. 

Die wichtigsten Wirtschaftskennzahlen Chinas haben sich in den letzten Monaten des Jahres 2023 im Anschluss an die hartnäckige Schwächephase seit dem zweiten Quartal 2023 stabilisiert. Das jährliche Wachstum des realen BIP beendete im vierten Quartal seinen Abwärtstrend, was zu einem großen Teil auf die niedrige Vergleichsbasis aus Q4 2022 zurückzuführen sein dürfte. Im Monatsvergleich zeigten sich bei den Anlageinvestitionen und in der Industrieproduktion einige positive Auswirkungen politischer Hilfspakete. Dessen ungeachtet werden das Konsumklima, die privaten Geschäftsaktivitäten und das Vertrauen im Immobilienmarkt wahrscheinlich gedämpft bleiben und es werden stärkere Konjunkturhilfen zur Unterstützung von Wachstum und Marktvertrauen erforderlich sein. 

Wirtschaftswachstum: Gesamtwachstum stabilisiert sich bei anhaltendem Gegenwind

Dem Chinese National Bureau of Statistics (NBS) zufolge lag das reale BIP-Wachstum Chinas im vierten Quartal 2023 bei 5,2% im Jahresvergleich (Q3 2023: 4,9% ggü. Vorjahr). Die Verbesserung der Wachstumsrate war teilweise auf vorherige Konjunkturhilfen zurückzuführen, aber auch die Basiseffekte im vierten Quartal 2022 dürften maßgeblich dazu beigetragen haben. Im Vergleich zu den Vorquartalen löste die herstellende Industrie den Dienstleistungssektor als führender Wachstumstreiber ab: Der sekundäre Sektor verzeichnete eine stärkere Wachstumsrate von 5,5% im Vorjahresvergleich (Q3 2023: 4,6%). Derweil blieb der Dienstleistungssektor stabil und lieferte ein jährliches Wachstum von 5,3% im tertiären Sektor (Q3 2023: 5,2%). 

Ähnlich wie das BIP deuteten auch monatliche Wirtschaftsindikatoren auf eine Stabilisierung der aggregierten Nachfrage zum Jahresende hin. Investitionen in Sachanlagen stiegen im Zeitraum von Januar bis Dezember 2023 um 4,1% im Vorjahresvergleich (und damit stärker als die 2,9% der Konsenserwartung und als in den ersten elf Monaten). Der Anstieg war vor allem auf Infrastrukturprojekte zurückzuführen. Die Industrieproduktion wuchs um 6,8% im Vorjahresvergleich, worin sich die starke Dynamik der fortschrittlichen Fertigung beispielsweise bei Computern und Elektronik (+9,6% ggü. Vorjahr) und Automobilen (20% ggü. Vorjahr) erkennen ließ. Diese Wachstumszahlen lassen wahrscheinlich die Schlussfolgerung zu, dass die Konjunkturmaßnahmen früherer Quartale eine gewisse Wirkung zeigen.  

Trotz der zuvor genannten ermutigenden Zahlen erfährt die Erholung weiterhin Gegenwind. Die größte Herausforderung ist das schlechte Klima der privaten Haushalte Unternehmen. Einer NBS-Umfrage zufolge verharrte das Konsumklima in den letzten Monaten Tiefpunkt, insbesondere bei den Erwartungen der Beschäftigungszahlen, welche sich auf den zukünftigen Konsum auswirken könnten. Im Dezember 2023 knickten die Einzelhandelsumsätze erneut auf 7,4% im Jahresvergleich ein (November 2023: 10,1%). Die Investitionsdaten wiesen gleichzeitig auf eine gedämpfte Stimmung bei privaten Unternehmen hin; die Investitionen in Sachanlagen gingen im Jahresverlauf um 0,4% zurück. 

Eine weitere große Herausforderung bildet der Immobilienmarkt. Während die Nachfrage während des Marktabschwungs schwand, wuchs der Bestand von Wohnimmobilien um 22,2% im Jahresvergleich und die Bauinvestitionen sanken 2023 um 9,6% gegenüber dem Vorjahr. Diese Schwäche griff auf verbundene Branchen über, was zu einem Rückgang des Verkaufs dauerhafter Güter wie Möbel, Haushaltsgeräten und Dekorationsmaterialien um 5,8% im Jahresvergleich führte, auf die ungefähr 10% des Gesamtkonsums entfielen.

Immobilien sind ein wichtiger Treiber für das Kreditwachstum und eine Säule der staatlichen Finanzierung auf lokaler Ebene. Als sich die Aktivität im Immobilienmarkt verringerte, verschlechterten sich die Bilanzen von Entwicklungsgesellschaften und den Finanzierungsvehikeln der Lokalregierungen (LGFVs). 

Politische Reaktionen: Gebraucht werden stärkere staatliche Hilfspakete

Seit der Versammlung des Politbüros Ende Juli 2023 hat China allmählich seine Konjunkturhilfen hochgefahren, wozu eine geldpolitische Lockerung, Refinanzierungsprogramme für die Schulden von Lokalregierungen, Emissionen von Sonderstaatsanleihen und die Aufweichung der Immobilienmarktkontrollen gehörten. Umfang und Tempo dieser Maßnahmen genügten jedoch nicht den Erwartungen des Marktes, weshalb sie lediglich ein weiteres Abrutschen der Wirtschaft verhinderten. 

Das geschwächte Vertrauen ist zum größten Hemmschuh für die Wirksamkeit der Konjunkturmaßnahmen geworden. Trotz der fortgesetzten geldpolitischen Lockerung und einem Wachstum der Geldmenge M2 um jährlich 9,7% blieb der Kreditimpuls schwach, weil Privathaushalte und -unternehmen keine Darlehen aufnehmen und nicht investieren (Abb. 1), was in der Geschichte der geldpolitischen Lockerungszyklen eine Ausnahme darstellt. Das führt dazu, dass der Fiskalpolitik eine immer wichtigere Rolle als Kickstarter für den schwächelnden Konjunkturmotor zukommen dürfte.

Um Staatsausgaben zu unterstützen, wurde die Emissionsquote von Staatsanleihen im zweiten Halbjahr 2023 nach oben korrigiert. Im August wurde ein 1,5 Billionen CNY schweres Anleihenprogramm zur Refinanzierung von Lokalregierungen aufgelegt, mit der die Umschuldung und Refinanzierung der Lokalregierungen in 12 Provinzen unterstützt werden soll. Im Oktober 2023 wurde die Staatsschuldenquote mit der Emission von Sonderstaatsanleihen im Wert von 1 Billionen CNY auf 3,8% angehoben. Es wird davon ausgegangen, dass weitere ähnliche Maßnahmen kommen und dass das Defizitziel für 2024 erneut auf 3,8% festgelegt wird.  

Um den Immobilienmarkt zu stabilisieren, muss außerdem zusätzliche Nachfrage über Staatsausgaben geschaffen werden. Die People‘s Bank of China hat ihr Programm mit verpfändeten Zusatzkrediten (Pledged Supplementary Lending, PSL) im Dezember 2023 neu aufgelegt und 350 Milliarden CNY für Stadterneuerungsprojekte von Lokalregierungen über Staatsbanken bereitgestellt. Das Programm könnte im Jahr 2024 in größerem Maßstab fortgesetzt werden, die tatsächlichen Auswirkungen bleiben aber ungewiss. 

Auswirkungen auf Investments: Warten auf politische Impulse

Jüngst veröffentlichte Daten zeigen eine marginale Verbesserung des Wachstumsumfelds, die auch zur Stabilisierung der Anlegerstimmung beitragen könnte. Möglicherweise müssen Anlegerinnen und Anleger allerdings geduldig auf klarere politische Signale warten. Die Jahresversammlung des Nationalen Volkskongresses, die am 5. März beginnt, dürfte genaueren Aufschluss über die Konjunkturpolitik bringen und zu einem Impulsgeber für den Aktienmarkt werden. 

Die Wirtschaftsmeldungen legen weiter nahe, dass es Anlagechancen im chinesischen Aktienmarkt gibt. Nach der Marktkorrektur der letzten zwei Jahre sind die Bewertungen chinesischer Aktien sowohl an den chinesischen Binnen- als auch an den Offshore-Märkten attraktiv geworden. Dies weist darauf hin, dass es Potenzial für Kursgewinne gibt, sobald stärkere Konjunkturmaßnahmen umgesetzt werden.

Gleichzeitig werden sich die Unternehmensgewinne weiter verbessern. Auf der Basis der Konsensprognosen wird der Gewinn je Aktie im MSCI China im Jahr 2024 voraussichtlich um 15% wachsen, mit einem KGV von 9,3. Auf längere Sicht können aufstrebende Sektoren wie erneuerbare Energie, Elektrofahrzeuge und fortschrittliche Fertigung als künftige Wachstumsmotoren Chinas dienen. Sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit von großzügiger politischer Unterstützung profitieren. 

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