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Gallers Standpunkt

Tilmann Galler, Kapitalmarktexperte bei J.P. Morgan Asset Management blickt einmal im Monat auf die aktuellen Entwicklungen der Märkte.

Value & Dividenden – die heimlichen Gewinner

Veränderte Makrobedingungen und Sorgen um den Technologie-Boom setzten eine Sektorrotation in Gang.

Der Krieg im Nahen Osten, die zollpolitischen Unsicherheiten bis hin zu den Sorgen um die Umwälzungen der künstlichen Intelligenz (KI) haben zu Volatilität an den Aktienmärkten geführt. Interessanterweise scheint das Value-Segment, also Aktien mit niedrigeren Bewertungen, ebenso wie Titel mit hoher Dividendenrendite, weniger stark von den Risiken betroffen zu sein. Es spricht einiges dafür, dass dividendenstarke und Value-Aktien, die jahrelang im Schatten der Wachstumsaktien standen ganz heimlich ein Comeback starten. Was sind die möglichen Ursachen für die Marktrotation?

Ein wichtiges Feld des Wandels ist die Technologie. Im Jahr 2023 haben vor allem sieben großen Wachstumsaktien, die sogenannten „Magnificient 7“ den S&P 500 weit übertroffen. Iim Jahr 2024 waren es noch sechs, letztes Jahr sogar nur noch zwei - und das Ausmaß der Outperformance schrumpfte erheblich. Die größten Aktien sind also nicht mehr die besten. Trotz ihres hervorragenden Gewinnwachstums steigt die Skepsis der Investoren, dass die gewaltigen Summen der bereits getätigten und geplanten KI-Investitionen sich zukünftig auch rentieren werden.

Allein in 2026 planen die 5 großen US-Technologieunternehmen Amazon, Alphabet, Microsoft, Meta und Oracle, rund 650 Mrd. US-Dollar zu investieren. In den folgenden beiden Jahren sollen es jeweils über 700 Mrd. sein. Das Investitionswettrennen, wer die größten und leistungsfähigsten Datencenter baut, verschlingt inzwischen knapp 80 Prozent ihres operativen Cash-Flows. 2019 waren es im Vergleich nur knapp über 40 Prozent. So bleibt entsprechend weniger für die Aktionäre in Form von Dividenden und Aktienrückkäufen übrig. Und auch wenn sich Halbleiterhersteller einer gewaltigen Nachfrage nach ihren Chips erfreuen, sind auch sie Gefangene des Investitionsbooms, sollten sich die finanziellen Versprechungen der KI-Revolution nicht erfüllen.

Doch nicht nur von der wachsenden Skepsis gegenüber Technologie können Value- und Dividendentitel profitieren, sondern auch von makroökonomischen und geopolitischen Trends. Die expansive Fiskalpolitik in den USA und Europa schafft zusätzliche Wachstumsimpulse auch außerhalb der KI-Investitionen. Neben Investitionen in Infrastruktur dürften die weltweiten Staatsausgaben für Verteidigung einen bedeutenden Anstieg verzeichnen. Laufende Investitionsausgaben für Energieerzeugung und KI-Infrastruktur könnten deshalb zu steigender Nachfrage und Einnahmen für Value-Sektoren wie Industrie, Grundstoffe und Versorger sorgen. Von den anhaltenden Spannungen im Nahen Osten und steigendem Ölpreis profitiert ein weiterer klassischer Value-Sektor: Energie.

Die Veränderungen an den Zinsmärkten spielt ebenfalls eine wichtige Rolle für die Marktrotation. Der immer größer werdende Finanzierungsbedarf der Staaten lässt die Anleihenrenditen steigen oder hält sie auf erhöhtem Niveau. Gleichzeitig lassen expansive staatliche Nachfrage, Technologieinvestitionen und zunehmende Ressourcenknappheit zukünftig eine moderat höhere Inflation erwarten. Phasen steigender Inflation und Anleihenrenditen gehen üblicherweise mit einer Outperformance von Value gegenüber Growth einher. Die Zinseinnahmen der Finanzunternehmen, die dominierende Branche im Value-Universum, profitieren von einem inflationären Wachstumsumfeld, solange die Zinskurve steil bleibt.

Eine weitere Erklärung für die bessere Wertentwicklung dividendenstarker Aktien gegenüber Wachstumstiteln in Phasen höherer Zinsen liegt in der Bewertungsarithmetik. Bei höheren Zinsen und Kapitalkosten fällt der Barwert eines Wachstumsunternehmens, dessen wirtschaftlicher Erfolg weit in der Zukunft liegt, durch die höhere Abzinsung sehr viel stärker als bei einem Unternehmen, dass schon heute über hohe Erträge verfügt.

Nicht zuletzt zur Risikostreuung spricht einiges für ein größeres Investment in Value- und Dividendenaktien. Der Technologieboom hat zu erheblicher Marktkonzentration im Wachstumssegment an den globalen Aktienmärkten geführt. Per Ende März 2026 lag das Indexgewicht der zehn größten Titel beim MSCI World Growth bei 48 Prozent. Im Vergleich dazu beim MSCI World Value bei nur bei 17 Prozent und beim High Dividend bei 21 Prozent. Sollte der Technologieboom platzen dürfte sich das Dividenden/Value-Segment deutlich stabiler entwickeln als Wachstumsaktien.

Tilmann Galler ist globaler Kapitalmarktstratege bei

J.P. Morgan Asset Management in Frankfurt

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