Europas KI-Vorsprung wird leicht übersehen
Europas Vorsprung im Bereich künstliche Intelligenz liegt eigentlich offen zutage: Es geht weniger darum, die spektakulärsten Modelle zu bauen, als vielmehr darum, jene Infrastruktur zu liefern – und einzusetzen –, die KI in der Realwirtschaft überhaupt erst nutzbar macht. Die Indexzusammensetzung spiegelt das wider: Europa ist stärker auf KI-Anwender¹ ausgerichtet als auf KI-Ermöglicher², und genau das deckt sich mit seinen Stärken – Strom- und Netzausrüstung, Hochspannungs-Stromwandlung, Fabrikautomatisierung und Robotik, praxistaugliche Industriesoftware, die Maschinen und Systeme miteinander verbindet, sowie Analog- und Leistungshalbleiter, die in der Automobil- und Industriebranche allgegenwärtig sind. Das ist deshalb von Bedeutung, weil der KI-Zyklus im Kern ein physischer ist: Mehr Rechenleistung bedeutet mehr Strom, stabilere Netze und eine engere Verzahnung mit Produktionslinien, Logistik und Instandhaltung. Da weltweit jährlich mehr als 800 Milliarden US-Dollar in KI fließen, wird sich dieses Investitionsniveau nur dann halten, wenn es messbare Produktivitätsgewinne bringt – und Europa ist bestens aufgestellt, um genau diese „letzte Meile" der KI zu Geld zu machen, wo der Ertrag auf das eingesetzte Kapital am deutlichsten ausfällt und die Verbreitung skalieren kann, ohne dass Europa das Wettrüsten um die fortschrittlichsten Modelle gewinnen müsste.
Ein Großteil dieses Potenzials scheint in europäischen Aktien nicht eingepreist zu sein. Anders als in den USA – und zunehmend auch in den Schwellenländern und Japan –, wo die Indexführung stark an KI gekoppelt ist, sind Europas Benchmarks nach wie vor ausgewogener und – wie die Grafik zeigt – weniger direkt in den Gewinnern des KI-Ausbaus engagiert. Daraus ergibt sich eine günstige Ausgangslage: Enttäuscht die KI, dürfte Europa vergleichsweise widerstandsfähiger sein, weil weniger Schwergewichte in den Indizes auf Perfektion bewertet sind; hält die KI hingegen, was sie verspricht, sollte Europa dennoch profitieren, wenn Unternehmen ihre Stromsysteme modernisieren, Netze digitalisieren, Fabriken automatisieren und Software mit hohem ROI ausrollen – und das ganz ohne die Bewertungen der „Frontier-Modelle". Kommen Impulse wie ein mögliches deutsches Konjunkturpaket hinzu, sticht Europa als eine der wenigen großen Aktienregionen hervor, deren Wachstumsstory nicht vom KI-Hype abhängt, die aber dennoch spürbar profitieren könnte, sollte sich KI als transformativ erweisen – was Europa zu einer starken Ergänzung zu US-Aktien und zu einem saubereren Diversifikationsbaustein macht als die Schwellenländer, wo viele Indizes von KI-Titeln angeführt werden.
