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Market Insights

Gallers Standpunkt

Veröffentlicht: 13-08-2026
Gallers Standpunkt
Tilmann Galler, Kapitalmarktexperte bei J.P. Morgan Asset Management blickt einmal im Monat auf die aktuellen Entwicklungen der Märkte.

Die neuen Giganten am Anleihenmarkt

Der Aufbau der Infrastruktur für künstliche Intelligenz (KI) verändert die festverzinslichen Märkte


Künstliche Intelligenz (KI) verändert nicht wie wir leben und arbeiten – sie gestaltet auch die Kapitalmärkte neu. Die großen Plattformunternehmen – so genannte „Hyperscaler" – fahren ihre Investitionen in die Infrastruktur für die KI-Entwicklung massiv hoch, und greifen zur Finanzierung in bislang ungekanntem Umfang auf den Anleihenmarkt zurück. Die Emissionen der US-Hyperscalierer belaufen sich im laufenden Jahr bereits auf rund 200 Milliarden US-Dollar und machen damit 15 Prozent aller Brutto-Neuemissionen im US-Investment-Grade-Segment aus. Damit liegt die Emissionstätigkeit 2026 bereits mehr als dreimal höher als im Durchschnitt der letzten fünf Jahre. In den jüngsten Quartalsberichten bestätigten die Tech-Giganten, dass sie die Investitionsvolumina 2027 nochmals steigern werden. Dieser sprunghafte Anstieg der KI-bezogener Anleihen verändert die Zusammensetzung wichtiger Kreditindizes – und erhöht das Risiko für passive Anleiheninvestoren.

Das Konzentrations- oder „Klumpenrisiko", das angesichts einer Handvoll dominierender Tech-Konzerne zum Markenzeichen des Aktienmarktes geworden ist, wird damit zunehmend auch am Anleihenmarkt zum Thema. Ein entscheidender Unterschied: Anleihenindizes werden nach dem Volumen der ausstehenden Schulden gewichtet, nicht nach der Marktkapitalisierung. Das bedeutet, wer passiv anlegt, ist in immer stärkerem Maße in Unternehmen mit den höchsten Schuldenlasten investiert – unabhängig davon, wie solide deren Geschäft tatsächlich ist. Anleihen-Indizes „belohnen“ letztendlich riskantes Wirtschaften.

Der Technologiesektor macht im laufenden Jahr 18,7 Prozent aller neuen Hochzinsemissionen aus, bleibt aber mit einem Anteil von 8,6 Prozent am gesamten Hochzinsindex vergleichsweise klein – und liegt damit unter der aktuellen Gewichtung von 10 Prozent, die Technologiewerte im Investment-Grade-Index einnehmen. Der Anstieg KI-bezogener Emissionen sowohl im Investment-Grade- als auch im Hochzinsbereich ist eine strukturelle Folge des KI-Investitionszyklus und dürfte anhalten, solange die Infrastrukturausgaben weiter steigen.

Das Risiko besteht darin, dass ein negativer Schock – etwa ein enttäuschendes Umsatzwachstum oder eine Kürzung der Investitionsausgaben in KI – gleichzeitig die größten Positionen sowohl in Anleihen- als auch in Aktienindizes treffen könnte. Da indexgebundene Fonds die Gewichtung ihres Vergleichsindex nachbilden müssen, kann jede Ausweitung der Risikoaufschläge Umschichtungen auslösen, die die Bewegung noch verstärken.

Nun lauten die beiden entscheidenden Fragen: Bietet die Rendite eine angemessene Entschädigung für das steigende Risiko, das sich in den Kreditindizes ansammelt und bin ich bereit, einen immer größeren Teil des Aktien- und Anleihen-Portfolios in Technologie zu investieren?

Noch sind die Fundamentaldaten der Hyperscaler stark, und das Risiko von Bonitätsherabstufungen erscheint gering. Kennzahlen wie das Verhältnis von Schulden zum operativen Gewinn (Debt-to-EBITDA) sehen auf den ersten Blick bei KI-nahen Emittenten unbedenklich aus. Doch bei genauem Hinsehen fällt auf, dass in den letzten Jahren die Finanzierung zahlreicher Investitionen in Datenzentren mit Leasingverträge gestaltet wurden. Diese werden nicht in der Aufbauphase nicht bilanziert, sondern erst in der Nutzungsphase. Mit der Einbeziehung dieser versteckten Schulden ist die Bonitätslage nicht mehr ganz so einwandfrei und erklärt, weshalb die Versicherungen für Kreditausfälle (CDS) der Hyperskalierer in den letzten Monaten angestiegen sind.

Wer das Portfolio-Risiko streuen will, könnte andere Sektoren im Investment-Grade-Markt sowie Anleihen mit kürzeren und mittleren Laufzeiten ergänzen, um die Empfindlichkeit gegenüber Spreads und Zinsen zu verringern. Verbriefte Kredite (Securitized Credit) sind eine weitere, qualitativ hochwertige Option, bei der die Erträge aus unterschiedlichen Sicherheiten-Pools stammen und nicht von den KI-Ausgaben der Unternehmen abhängen. Insgesamt ermöglichen es aktive Anleihenstrategien, die bei wachsender Verschuldung nicht automatisch mit dem Benchmarkgewicht mitgehen, sondern das Chance-Risiko-Verhältnis sogfältig abwägen, die Konzentrationsrisiken im Technologiebereich zu reduzieren.

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