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Gallers Standpunkt

Tilmann Galler, Kapitalmarktexperte bei J.P. Morgan Asset Management blickt einmal im Monat auf die aktuellen Entwicklungen der Märkte.

Rohöl – vom Mangel zum Überfluss

Können Verbraucher schon bald mit einer Entspannung im Geldbeutel rechnen?

Der Krieg im Mittleren Osten hat die Energieversorgung der Welt empfindlich gestört. Irans Ankündigung, die Straße von Hormus für den Schiffsverkehr zu schließen, stellte über Nacht rund 20 Prozent der weltweiten Rohölversorgung infrage. Die International Energy Agency sprach von der größten Bedrohung für die Energiesicherheit in der Geschichte. Doch die Preisentwicklung gibt Rätsel auf: Seit dem Hoch von 118 US-Dollar je Barrel Brent Ende April ist der Preis um rund ein Drittel gefallen. Prognosen von Energieknappheit und Ölpreisen über 150 US-Dollar haben sich nicht bestätigt. Inzwischen gilt für 2027 sogar ein Ölüberschuss als möglich. Warum lagen zahlreiche Experten trotz plausibler Berechnungen daneben – und was bedeutet das für Energiepreise und Inflation?

Die Ausgangslage im April war kritisch. Nachdem auch die USA erklärten, jeglichen Schiffsverkehr aus dem Iran durch die Straße von Hormus zu unterbinden, stieg das geschätzte Angebotsdefizit am Rohölmarkt auf rund 13 Millionen Barrel pro Tag. Damit fehlten dem Weltmarkt etwa 13 Prozent des benötigten Rohöls. Dennoch sprang der Ölpreis nie nachhaltig über 120 US-Dollar. Dafür gab es zwei Gründe: Erstens wurden mindestens 7 Millionen Barrel aus kommerziellen und strategischen Reserven freigegeben, vor allem von den USA. Zweitens ging die Nachfrage deutlich zurück. Neben dem Einbruch im Mittleren Osten war es vor allem China, der größte Rohölimporteur der Welt, der weniger nachfragte. Hohe eigene Reserven und staatliche Sparmaßnahmen – etwa weniger Inlandsflüge und Einschränkungen beim Treibstoffexport – machten dies möglich.

Für den Preisrückgang seit Anfang Mai war neben der Spekulation auf ein Abkommen wohl ein weiterer Faktor entscheidend: Die Straße von Hormus war offenbar nie in dem Maße geschlossen, wie es offizielle Verkehrsdaten nahelegten. Nur so lässt sich erklären, dass die Ölexporte über Häfen der Vereinigten Arabischen Emirate im Juni bereits wieder rund 90 Prozent des Vorkriegsniveaus erreichten. Auch alternative Routen über Land und Pipelines stabilisierten den Ölmarkt früher als gedacht.

Ein tragfähiges politisches Abkommen könnte nun den Weg zurück in einen Überschussmarkt innerhalb der nächsten zwölf Monate ebnen. Die Ursache liegt weniger in dauerhaft schwacher Nachfrage, denn Raffinerien und chemische Industrie dürften ihre Produktion normalisieren. Zudem werden viele Länder ihre geschrumpften Öl- und Treibstoffreserven wieder auffüllen, womöglich sogar ausbauen, um künftigen Angebotsschocks besser standzuhalten.

Das große Thema für den Ölmarkt wird daher vielmehr die Angebotsausweitung sein. Mit dem Ausscheiden der Vereinigten Arabischen Emirate aus der OPEC ist das Kartell geschwächt. Saudi-Arabien, Kuwait und der Irak haben starke Anreize, ungenutzte Kapazitäten auszuschöpfen, um Kriegsschäden zu kompensieren. Ein von Sanktionen befreiter Iran könnte das Angebot zusätzlich erhöhen. Aus der Golfregion könnten in den kommenden zwölf Monaten bis zu 4 Millionen Barrel pro Tag zusätzlich gegenüber dem Vorkriegsniveau auf den Markt kommen. Das würde den Preisdruck weiter erhöhen.

Für die Inflation bedeutet dieses Szenario grundsätzlich Entspannung. Ein preissenkender Effekt tritt jedoch erst ein, wenn der künftige Ölpreis unter dem Vorjahresniveau liegt. Der durchschnittliche Preis für ein Barrel Brent lag in der zweiten Jahreshälfte 2025 bei 65 US-Dollar. Nur wenn Öl in den kommenden sechs Monaten nachhaltig unter diese Marke fällt, lassen sich zeitnah inflationssenkende Beiträge aus dem Energiesektor erwarten. Andernfalls ist Geduld bis ins Frühjahr 2027 gefragt.

Neben Privathaushalten, die um ihre Kaufkraft bangen, blicken auch Zentralbanken genau auf die weitere Inflationsdynamik. Die schneller als erwartete Entspannung bei Öl- und Treibstoffpreisen verringert das Risiko preistreibender Zweitrundeneffekte bei Nahrungsmitteln und Gütern. Zugleich ist die Lage am Arbeitsmarkt durchwachsen, und das Lohnwachstum schwächt sich ab. Das Argument für Zinserhöhungen ist damit deutlich schwächer geworden – ebenso der Anreiz, im Geldmarkt investiert zu bleiben. Für Aktien- und Rentenmärkte wäre eine weniger restriktive Zinspolitik hingegen eine gute Nachricht.

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