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Gallers Standpunkt

Tilmann Galler, Kapitalmarktexperte bei J.P. Morgan Asset Management blickt einmal im Monat auf die aktuellen Entwicklungen der Märkte.

Technologie – weltmeisterliche Performance mit Risiken

Der KI-Boom ist real – doch hohe Bewertungen und wachsendes Konzentrationsrisiko sprechen für eine breitere Aufstellung

Anleger setzen seit Jahresbeginn verstärkt auf Aktien rund um künstliche Intelligenz. Besonders Hardware- und Halbleiterwerte waren gefragt. Die Dynamik ist real: Die Nachfrage nach Rechenleistung steigt, Unternehmen investieren massiv, und die Gewinne wichtiger Anbieter haben überzeugt. Doch wie bei der diesjährigen Fußballweltmeisterschaft in Nordamerika, reicht eine starke Vorrunde nicht für den Titel. Entscheidend ist, ob Favoriten ihre Leistung auch unter Druck bestätigen. Das gilt auch für KI-Aktien.

Der KI-Ausbau findet in enormem Umfang statt. Große Cloud- und Plattformunternehmen, sogenannte Hyperskalierer, investieren in diesem Jahr rund 700 Milliarden Dollar in Infrastruktur: Chips, Speicher, Server, Stromversorgung, Kühlung und Rechenzentren. Für sie geht es nicht nur um Wachstum, sondern um strategische Positionierung. Wer im KI-Rennen zurückfällt, riskiert langfristig Marktanteile. Deshalb erhöhen selbst profitable Technologiekonzerne ihre Investitionsausgaben deutlich.

Hier liegt das Risiko. In den Jahren 2026 und 2027 dürften Investitionen vieler Unternehmen schneller steigen als direkt zurechenbare KI-Umsätze. Das kann den freien Cashflow belasten. Zugleich bewertet der Aktienmarkt viele KI-Gewinner bereits so, als würden hohe Wachstumsraten über Jahre anhalten. Können Cloud-Dienste, Unternehmenssoftware, KI-Abonnements und neue Anwendungen genug zusätzliche Erlöse bringen, um die hohen Investitionen zu rechtfertigen? Wenn Umsätze steigen, Kosten pro Recheneinheit sinken und der Cashflow wächst, bleibt das Investitionsargument stark. Wenn die Monetarisierung langsamer verläuft, könnten Unternehmen ihre Investitionen kürzen. Das hätte Folgen für die gesamte KI-Wertschöpfungskette.

Hinzu kommt für Investoren ein wachsendes Konzentrationsrisiko. Im S&P 500 hat Technologie bereits ein Indexgewicht von 39 Prozent – das ist höher als der Höchstwert des Internetbooms in 2000 –, und ein großer Teil der Wertentwicklung hängt an wenigen Mega-Caps. Auch globale Aktienindizes werden stark von US-Aktien geprägt. Das hilft in Aufwärtsphasen, erhöht aber die Verletzlichkeit, wenn die Marktführer enttäuschen.

Der bekannteste Weg, in KI zu investieren, führt über die US-Hyperskalierer und führende Chipanbieter. Allerdings ist dieser Bereich des Marktes bereits sehr beliebt und teilweise hoch bewertet. Anleger sollten deshalb auch die breitere Wertschöpfungskette betrachten. Wie im Fußball gewinnt selten ein einzelner Star das Turnier allein. Auch Mittelfeld, Defensive und Teamgeist entscheiden. Übertragen auf KI heißt das: Neben Modellen und Chips zählen Rechenzentrumsflächen, Stromnetze, Energieerzeugung, Kühlung, elektrische Komponenten, Bau- und Ingenieurleistungen sowie Ausrüstung.

Entscheidend ist, wo sich tatsächlich Umsätze, Produktivitätsgewinne und Cashflow-Verbesserungen zeigen. Eine breitere Aufstellung am Aktienmarkt kann deshalb Konzentrationsrisiken reduzieren. Wichtig ist Diversifikation nach Geschäftsmodellen, Branchen, und Regionen. Asien beispielsweise ist kein einheitlicher KI-Markt. Taiwan und Südkorea sind eng mit modernen Halbleitern und Speichertechnologien verbunden. Japan ist stark bei Ausrüstung, Materialien und Robotik. China entwickelt ein inländisch geprägtes KI-Ökosystem mit eigenen Chancen und politischen Risiken. Für Investoren ermöglicht deshalb eine Ausweitung der Technologieinvestitionen über die USA hinaus einen breiteren Zugang zu diesem Wachstumstreiber.

Nach der starken Kursentwicklung reicht Begeisterung allein nicht mehr aus. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des globalen Technologiesektors liegt inzwischen bei über 40. Investoren sollten prüfen, wo Erwartungen, Bewertungen und Gewinne zusammenpassen — und wie stark ihr Portfolio von wenigen Technologiewerten abhängt. Der Boom ist real, aber wie bei einer Weltmeisterschaft ist neben der Offensive eine stabile Defensive unerlässlich, und oft entscheidet sich erst in den K.-o.-Runden, wer den Erwartungen und dem Druck standhält. Anleihen hoher Qualität können hier eine wichtige Rolle im Portfolio spielen. Denn sollte der KI-Investmentboom ein überraschend jähes Ende finden, würde das für die Weltwirtschaft die Rezessionsrisiken erhöhen. Für Aktienmärkte wäre das kritisch. Langlaufende Qualitätsanleihen könnten in diesem Fall ein wichtiger Puffer für das Gesamtportfolio sein.

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