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Equity Insights

Wieder auf dem Radar: Was für Europa-Aktien spricht

CA
Callum Abbot

Portfolio Manager

Veröffentlicht: 30-07-2026

Anlegerinnen und Anleger haben Europa-Aktien wieder auf dem Radar. Von Anfang 2025 bis März 2026 verzeichneten Europa-Aktienfonds Nettozuflüsse von über 74 Milliarden Euro – die stärkste Nachfrage seit zehn Jahren.

Entscheidend ist dabei nicht nur, dass das Geld zurückfließt, sondern auch, warum. Anlegerinnen und Anleger suchen nach Alternativen zu teuren, konzentrierten Aktienengagements in anderen Regionen und nach Ertragstreibern, die nicht alle auf demselben Investmentthema beruhen.

Europa gewinnt dank angemessener Bewertungen, einer breiten Branchenstruktur und eines differenzierten Ertragsprofils zunehmend die Aufmerksamkeit der Anlegerinnen und Anleger. Gestützt wird dies durch die sich aufhellenden Aussichten für die europäische Wirtschaft und die Unternehmensgewinne. Angesichts wachsender Bedenken hinsichtlich der Konzentration in globalen Aktienportfolios sprechen unserer Meinung nach die Fakten für eine strukturelle Verlagerung der Allokationen in Richtung Europa.

Risiken bestehen jedoch weiterhin und erklären damit auch die attraktive Bewertung. Die Auswirkungen des Konflikts im Nahen Osten, des Handelsdrucks und der Währungsvolatilität sind weiterhin ungewiss. All diese Faktoren müssen nach wie vor im Blick behalten werden. Die Risiken unterstreichen, wie wichtig es ist, mit erfahrenen, aktiven Managerinnen und Managern zusammenzuarbeiten, um Fehlbewertungen zu erkennen und über den gesamten Marktzyklus hinweg Überschusserträge zu erzielen.

Europas Wirtschaftsaussichten haben sich gewandelt

Was Europa bislang wirtschaftlich Gegenwind bescherte, wirkt nun unterstützend. Nach Jahren der Sparpolitik und Überregulierung beginnen die europäischen Regierungen, die Zügel zu lockern und ihre Ausgaben zu erhöhen. Gleichzeitig verfolgen sie einen zunehmend wachstumsfreundlicheren regulatorischen Kurs. Das Ergebnis sind bessere Wirtschaftsaussichten und höhere Erwartungen für die Unternehmensgewinne.

Vor allem das haushaltspolitische Umfeld hat sich grundlegend gewandelt. Europa bewegt sich nun in eine anhaltende Phase der fiskalischen Expansion, die die Binnennachfrage stützen dürfte. In den vergangenen 18 Monaten wurden weitreichende Konjunkturinitiativen der Europäischen Union angekündigt und das vielbeachtete deutsche Konjunkturpaket vorgestellt, das sich voraussichtlich auf rund 12% des BIP belaufen wird. Hinzu kommen umfassendere Rüstungs- und Infrastrukturprogramme.

Doch nicht nur die europäischen Fiskalregeln wurden auf den Kopf gestellt: Auch das regulatorische Umfeld hat eine Kehrtwende vollzogen. Im Mittelpunkt der Regulierung steht nun die Wettbewerbsfähigkeit. Maßgeblich hierfür ist der Bericht des ehemaligen EZB-Präsidenten Mario Draghi, der Ende 2024 veröffentlicht wurde und einen Wandel hin zu einer pragmatischeren, flexibleren und wachstumsorientierteren Politik markierte. Dies lässt sich beispielsweise am Telekommunikationsmarkt in den nordischen Ländern beobachten, wo die Konsolidierung zur Verbesserung der Margen beitragen dürfte, oder im Automobilsektor, wo das EU-Ziel für 2035 dahingehend angepasst wurde, dass bis zu 10% der Neuwagen auch nach 2035 mit Verbrennungsmotoren ausgestattet sein dürfen.

Dieses Umfeld dürfte das Wachstum der Unternehmensgewinne unterstützen. Unser internes Team aus Analystinnen und Analysten prognostiziert für 2026 ein solides Wachstum der Unternehmensgewinne in Europa von insgesamt 11%, und seit Jahresbeginn haben Analystinnen und Analysten ihre Prognosen nach oben korrigiert. Zwar entfällt ein erheblicher Teil dieser Aufwärtskorrekturen auf den Energiesektor. Doch auch in einer Reihe anderer Sektoren, darunter Investitionsgüter, Versorger, Halbleiter und Banken, werden die Prognosen nach oben korrigiert. Dies zeigt, dass sich der Aufwärtstrend bei den Gewinnprognosen auf breiter Basis vollzieht. Mehrere mittelfristige Rückenwindfaktoren – fiskalische Impulse, der Ausbau der KI-Infrastruktur und solide Finanzierungsbedingungen – dürften das Wachstum 2026 und in den kommenden Jahren unterstützen.

Die Bewertung spielt nach wie vor eine Rolle

Europa-Aktien werden in den meisten Sektoren mit einem Bewertungsabschlag gegenüber US-Aktien gehandelt. Das ist nichts Neues und lässt sich durch mehrere Faktoren erklären. Wichtiger ist jedoch, dass die Bewertungen in Europa auch auf absoluter Basis nicht überzogen sind. So liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der erwarteten Gewinne (Forward-KGV) des MSCI Europe Index bei etwa 14,9 (Stand: 25. Juni 2026) und damit im Bereich der historischen Durchschnittswerte.

Auf lange Sicht spielt die Bewertung eine große Rolle: Der Preis, den man heute zahlt, bestimmt den langfristigen Ertrag. In der Vergangenheit haben Investitionen zu diesem Bewertungsniveau attraktive langfristige Erträge erzielt.

Die historische Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für aktuelle und künftige Ergebnisse.

Ein stärkeres Wachstum ist zudem entscheidend, um den Bewertungsabschlag gegenüber den USA zu verringern. Während Europa von Austerität zu Investitionen übergeht, dürften höhere Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur sowie gezielte industrielle Fördermaßnahmen die Kapitalbildung und die Beschäftigung stützen. Zudem würden sie eine rege Fusions- und Übernahmetätigkeit fördern und Wertpotenziale börsennotierter Unternehmen heben. Dies dürfte wiederum die Binnennachfrage ankurbeln.

Wir gehen nicht davon aus, dass der langjährige Bewertungsabschlag Europas gegenüber den USA vollständig verschwinden wird. Die Bewertungslücke spiegelt langfristige Erwartungen hinsichtlich Wachstum, Rentabilität und Erträgen ebenso wider wie die jüngsten wirtschaftlichen Herausforderungen Europas. Wir halten es jedoch für realistisch, dass sich der Bewertungsabschlag verringert – getragen von einer besseren Vorhersehbarkeit der Ertragsentwicklung, einem ausgewogeneren Verhältnis zwischen Politik und Wachstum sowie einer Neubewertung in Bereichen, in denen die Diskrepanz zu den Fundamentaldaten am größten ist.

Europa bietet Diversifikationsmöglichkeiten

Die europäischen Märkte bieten nicht nur einen Bewertungsvorteil, sondern auch die Möglichkeit, über ein breites Spektrum von Sektoren zu diversifizieren. In einer Welt, in der globale Aktienbenchmarks von einer kleinen Zahl von Technologie- und KI-bezogenen Unternehmen dominiert werden, ist Diversifizierung unerlässlich geworden, um Erträge zu erzielen und Risiken in Portfolios zu steuern. Im Vergleich zu den USA bietet die geringere Konzentration auf Indexebene und die breitere Branchenstruktur Europas aktiven Managerinnen und Managern mehr Möglichkeiten, Risiken zu steuern und ihre Einschätzungen umzusetzen.

Der europäische Bankensektor ist ein wichtiger Ertragstreiber. Die europäischen Banken haben mehrere Jahre damit verbracht, ihre Kostenstrukturen neu auszurichten, während positive Zinsen ihre Rentabilität und Kapitalgenerierung wiederhergestellt haben. In den letzten fünf Jahren hat der Sektor die US-Aktien der „Magnificent Seven" übertroffen. Dennoch sind die Bewertungen weiterhin attraktiv: Mehrere Kreditinstitute werden zu moderaten Bewertungskennzahlen gehandelt und schütten gleichzeitig diszipliniert Kapital an die Aktionärinnen und Aktionäre aus. Innerhalb des Sektors sehen wir Chancen bei UniCredit in Italien und bei AIB in Irland. Beide zeichnen sich durch bereinigte Bilanzen, eine verbesserte Kosteneffizienz und aktionärsfreundliche Ausschüttungen aus.

Anlegerinnen und Anleger können gut geführte europäische Versorger und Stromerzeuger mit attraktiven laufenden Erträgen finden, die für ein zunehmend volatiles Stromnetz gut positioniert sind. Wir haben attraktive Chancen bei Unternehmen identifiziert, die über Wachstumsoptionen verfügen, beispielsweise durch ihre flexiblen Stromerzeugungskapazitäten. Diese sind ein besonderer Vorteil angesichts des steigenden Anteils erneuerbarer Energien. Ein Beispiel ist das französische Unternehmen Engie, das zu einer attraktiven Bewertung gehandelt wird, auf die Steigerung des Shareholder Value ausgerichtet ist und voraussichtlich von Netzinvestitionen sowie dem steigenden Strombedarf von Rechenzentren profitieren wird.

Der Übergang zu einer kohlenstoffärmeren Wirtschaft treibt auch das Wachstum im europäischen Industrie- und Maschinenbausektor voran. Unternehmen positionieren sich hier so, dass sie von der Elektrifizierung und der Modernisierung der Stromnetze in Europa profitieren können. Die Investitionszusagen der Regierungen für neue Energieinfrastruktur schlagen sich allmählich in den Gewinnprognosen nieder, da die Projektplanung in die Umsetzung übergeht. Deutschland bleibt dabei der Vorreiter, doch europaweit sorgen umfangreiche Infrastruktur- und Industrieinvestitionen für mehrjährige Auftragsbestände. Zu den Nutznießern zählen SPIE in Frankreich und Bilfinger in Deutschland.

Ein weiterer wichtiger Nutznießer der staatlichen Ausgaben ist der europäische Verteidigungssektor. Die europäischen Verteidigungsbudgets steigen, was sich in längeren Auftragsbeständen und einer dauerhafteren Nachfrage niederschlägt. Und bei den Verteidigungsausgaben kann eine starke Präsenz auf dem heimischen Markt von Vorteil sein, da bei der Beschaffung häufig lokale Marktführer bevorzugt werden. Ein Beispiel hierfür ist Indra Sistemas in Spanien, dessen Aktie angesichts des Potenzials für einen mehrjährigen Modernisierungszyklus attraktiv erscheint, während Spanien bei seinen NATO-Verteidigungsausgaben aufholt.

Selbst in den großen konsumnahen Sektoren Europas, in denen schwache Konsumdaten in den vergangenen Jahren eine Belastung darstellten, verbessern sich die zugrunde liegenden Signale nun, da niedrigere Zinsen und bei Teilen der Verbraucherinnen und Verbraucher noch vorhandene Ersparnisse die Nachfrage stützen.

Europa weist geringere Korrelationen zu anderen Aktienmärkten auf

Die unterschiedlichen Sektorgewichtungen Europas in Verbindung mit geopolitisch bedingten Staatsausgaben führen zu einer geringeren Korrelation mit US-Wachstumsindizes. Dadurch wird die Rolle Europas als Diversifikator in globalen Portfolios gestärkt. Aufgrund dieser Unterschiede in der Sektorstruktur und der wirtschaftspolitischen Ausrichtung entwickeln sich die europäischen Märkte tendenziell anders als andere Regionen. Diese Eigenschaft wird für Anlegerinnen und Anleger zunehmend wertvoll, da sie bei ihren globalen Aktienallokationen über verschiedene makroökonomische Phasen hinweg nach echter Diversifizierung und Widerstandsfähigkeit suchen. 

Entscheidend ist, dass Europa dem KI-Investitionsboom weniger direkt ausgesetzt ist als die USA, Japan und die Schwellenländer. In deren Benchmarks weisen KI-bezogene Titel mittlerweile eine hohe Gewichtung auf. Anstatt riesige Summen zu investieren, um eine führende Position bei Supercomputern oder verbraucherorientierter KI aufzubauen, sind europäische Unternehmen gut aufgestellt, um dort Geld zu verdienen, wo KI auf die reale Welt trifft: bei Energie- und Netzausrüstung, Hochspannungs- und Stromumwandlungstechnik, Fabrikautomation und Robotik, einfacher Software, die Maschinen mit Computern verbindet, sowie Analog- und Leistungschips, die in Autos und der Industrie zum Einsatz kommen. Das sind die Bereiche, die an Bedeutung gewinnen, wenn KI mehr Strom, stabilere Stromnetze und reibungslose Anbindungen an Produktionslinien benötigt.

Das ist eine gute Ausgangslage für Europa. Sollte KI enttäuschen, wäre Europa weniger stark betroffen, da seine Benchmarks weniger reine KI-Unternehmen enthalten. Sollte sich KI jedoch als tatsächlich transformativ erweisen, dürfte Europa profitieren. Denn Unternehmen modernisieren Stromversorgungssysteme, digitalisieren Stromnetze, automatisieren Fabriken und setzen praxisnahe Software mit hohem Kapitalertrag ein – und das, ohne ähnlich hohe Bewertungen wie die Entwicklerinnen und Entwickler von „Frontier-Modellen" aufweisen zu müssen. Berücksichtigt man zudem den erwarteten Anstieg der staatlichen Ausgaben, sticht Europa als eine der wenigen großen Aktienregionen mit einer Wachstumsstory hervor, die nicht von KI abhängt. Zugleich dürfte Europa von einer möglichen Transformation durch KI profitieren.

Unseres Erachtens können die Performance-Treiber Europas das US-Engagement in globalen Portfolios ergänzen und zudem eine effektivere Diversifizierung als Schwellenländer bieten, da viele ihrer Indizes mittlerweile von KI-bezogenen Titeln dominiert werden.

Fazit: Aktive Titelauswahl ist entscheidend, um das volle Renditepotenzial europäischer Aktien zu erschließen

Wir sind der Ansicht, dass eine strukturelle Umschichtung zurück in Europa-Aktien im Gange ist, da Anlegerinnen und Anleger ihr Engagement in konzentrierten, technologielastigen US- und globalen Benchmarks diversifizieren möchten. Die Rückkehr nach Europa ist jedoch nicht nur eine Frage der Diversifizierung. Für Investitionen in Europa sprechen auch die verbesserten langfristigen Wachstumsaussichten der Region, die relativ attraktiven Bewertungen und die vielfältigen Chancen auf Einzeltitelebene in zahlreichen Sektoren.

Zudem besteht Potenzial für positive Überraschungen. Möglicherweise unterschätzen Anlegerinnen und Anleger, in welchem Ausmaß sich die Unternehmensgewinne und die Stimmung in Europa verbessern könnten, sollte sich das Umfeld auch nur geringfügig günstiger entwickeln. Ein Markt, der eine attraktive Kombination aus fiskal- und geldpolitischen Rahmenbedingungen, einem pragmatischeren und wachstumsorientierteren politischen Kurs sowie eine größere Streuung der Bewertungen als stark überlaufene Märkte anderswo bietet, eröffnet aktiven Managerinnen und Managern die Möglichkeit, fehlbewertete Titel mit überdurchschnittlichem Potenzial zu identifizieren. Eine Anlage in Europa-Aktien über eine erfahrene aktive Managerin oder einen erfahrenen aktiven Manager kann Anlegerinnen und Anlegern daher helfen, ihr breites Marktengagement zu diversifizieren und durch aktive Titelauswahl das Potenzial für überdurchschnittliche Erträge zu erschließen.

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