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          Anlegen statt Sparen: Deutschlands Chance

          ZN
          Zara Nokes
          TG
          Tilmann Galler
          Veröffentlicht: 11-09-2026
          Wenn Privathaushalte ihre Ersparnisse produktiver einsetzen, verbessert das ihre Chancen, finanzielle Ziele zu erreichen und im Ruhestand gut abgesichert zu sein. Zugleich fließt mehr Kapital in Unternehmen, die es für Investitionen in einer sich rasch wandelnden Welt benötigen. Das kann Deutschlands Wachstum stärken und den politischen Zusammenhalt in Europa festigen.

          Von einer Lose-Lose-Lose-Situation zu Win-Win-Win

          In Europa wird traditionell mehr gespart als in den USA. Seit Beginn der Pandemie legen europäische Privathaushalte sogar noch mehr Geld zurück als zuvor. Ein großer Teil davon liegt jedoch weiterhin in Bargeld und Einlagen. Seit Ende 2019 kamen so zusätzliche 2,8 Billionen EUR hinzu. Insgesamt halten die Europäerinnen und Europäer inzwischen 12,4 Billionen EUR in solchen Anlagen.

          Deutschland bildet dabei keine Ausnahme: Auch hier liegt ein beträchtlicher Teil des privaten Vermögens in Barmittel. Für Sparerinnen und Sparer kann das teuer werden. Zwar sind die Zinsen heute höher als in weiten Teilen des vergangenen Jahrzehnts. Nach Abzug der Inflation bleibt die reale Verzinsung jedoch niedrig. Das schmälert die Kaufkraft und erschwert es, langfristige finanzielle Ziele zu erreichen.

          Aktien bieten demgegenüber langfristig deutlich höhere Ertragschancen. Unterstützt werden die Märkte von soliden Unternehmensgewinnen, die unter anderem von der weltweiten Verbreitung neuer Technologien profitieren. Wer dauerhaft überwiegend auf Bargeld und Einlagen setzt, verzichtet möglicherweise auf einen wichtigen Teil des langfristigen Wachstumspotenzials und damit auf die Chance, die eigene finanzielle Zukunft komfortabler zu gestalten.

          Die hohe Barmittelquote belastet nicht nur private Vermögen, sondern auch die deutsche Wirtschaft. Die Kehrseite hoher Ersparnisse der Privathaushalte ist ein geringerer Konsum, der die Wirtschaftstätigkeit belastet, sofern diese Ersparnisse nicht über Investitionen in Unternehmen geleitet werden. Genau das ist bei Barmitteln der Fall. Seit der Pandemie ist der Konsum in Deutschland deutlich schwächer gewachsen als in den USA. Gleichzeitig sind die Unternehmensinvestitionen zurückgegangen.

          Über beide Entwicklungen wird zunehmend gesprochen. Weniger Beachtung findet bislang ihre Bedeutung für den politischen Zusammenhalt in Europa. Wenn nur vergleichsweise wenige Haushalte am Wachstum der Aktienmärkte teilhaben, kann dies Vermögensunterschiede und politische Unzufriedenheit verstärken. Populistische Parteien erhalten dadurch zusätzlichen Raum für die Behauptung, die Europäische Union handle nicht im Interesse ihrer Mitgliedstaaten.

          Aus dieser Lose-Lose-Lose-Dynamik muss eine Win-Win-Win-Situation werden. Wenn Privathaushalte ihre Ersparnisse produktiver einsetzen, verbessert das ihre Chancen, finanzielle Ziele zu erreichen und im Ruhestand gut abgesichert zu sein. Zugleich fließt mehr Kapital in Unternehmen, die es für Investitionen in einer sich rasch wandelnden Welt benötigen. Das kann Deutschlands Wachstum stärken und den politischen Zusammenhalt in Europa festigen.

          Jetzt ist der Zeitpunkt zum Handeln

          Dass Handlungsbedarf besteht, ist offensichtlich. Entscheidend ist die Frage, wie Veränderungen gelingen können. Antworten liefert eine unabhängige Umfrage zu den Einstellungen und Verhaltensweisen von Privathaushalten, die J.P. Morgan Asset Management gemeinsam mit Opinium durchgeführt hat. Befragt wurden 2.000 Menschen in Deutschland als Teil einer europäischen Studie mit insgesamt 17.000 Erwachsenen in neun Ländern. Die Feldarbeit fand in der zweiten Julihälfte 2026 statt. Die deutschen Ergebnisse, die nachstehend dargestellt werden, sind bemerkenswert und machen deutlich, warum politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger und die Finanzbranche dringend zusammenarbeiten müssen. Jetzt ist der Zeitpunkt zum Handeln.

          Was haben wir herausgefunden?

          Die Deutschen sind hinsichtlich ihrer Altersversorgung zuversichtlich

          Zu Beginn wollten wir wissen, wie die Befragten ihre finanzielle Zukunft einschätzen, insbesondere ihren Lebensstandard im Ruhestand. Das Ergebnis: Viele Menschen in Deutschland blicken zuversichtlich nach vorn. Mehr als 60% gaben an, sich den gewünschten Lebensstandard zumindest einigermaßen leisten zu können. Davon sind 21% sehr zuversichtlich, 39% einigermaßen zuversichtlich. Nur 34% äußern Zweifel.

          Damit liegt das Sicherheitsgefühl über dem europäischen Durchschnitt. Die weiteren Ergebnisse zeigen jedoch: Zwischen Zuversicht und tatsächlichem Vorsorgeverhalten klafft eine deutliche Lücke.

          Privatpersonen erwarten, im Ruhestand vor allem auf private Vorsorge angewiesen zu sein ...

          47% der Befragten erwarten, dass private Altersvorsorgelösungen im Ruhestand ihre wichtigste Einkommensquelle sein werden. Weitere 13% setzen vor allem auf die betriebliche Altersversorgung. Insbesondere bei den jüngeren Generationen herrscht eine größere Skepsis hinsichtlich der Fähigkeit des umlagefinanzierten Rentensystems, im Ruhestand einen guten Lebensstandard zu gewährleisten.

          Gleichzeitig rechnen 27% weiterhin damit, im Ruhestand vor allem von der gesetzlichen Rente zu leben. Das ist angesichts wachsender Staatsverschuldung und des demografischen Wandels eine anspruchsvolle Erwartung. Die Bevölkerung altert, während der Staat zugleich zusätzliche Aufgaben finanzieren muss, etwa höhere Verteidigungsausgaben und die Modernisierung der Infrastruktur. Der Altenquotient, der das Verhältnis von älteren Menschen ab 65 Jahren zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter misst, wird sich in den kommenden 15 Jahren weiter kräftig ansteigen, wodurch insbesondere die Belastungen für das Rentensystem und die Krankenversicherung steigen werden.

          ... doch der Mehrheit der Bevölkerung fehlt ein klarer Sparplan

          Die Zuversicht relativiert sich, sobald man betrachtet, wie konkret die Altersvorsorge bereits geplant ist.

          Nur 31% haben einen klaren Plan und sparen aktiv dafür. 14% haben sich mit dem Ruhestand noch gar nicht beschäftigt, weitere 20% zwar darüber nachgedacht, aber noch nichts unternommen. Damit hat rund ein Drittel der Menschen in Deutschland bislang keine greifbaren Fortschritte bei der eigenen Ruhestandsplanung gemacht. Das ist zwar weniger als im europäischen Durchschnitt von rund 45% aber vor dem Hintergrund der Herausforderung immer noch zu hoch.

          Bei sehr jungen Befragten wäre das noch leichter nachzuvollziehen: Ihnen bleiben viele Erwerbsjahre, um gegenzusteuern. Die Planungslücke reicht jedoch bis in die Generation X, also zu den 46- bis 61-Jährigen. Gerade sie befinden sich häufig in ihren einkommensstärksten Sparjahren, während die verbleibende Zeit für den Aufbau eines substanziellen Vorsorgevermögens kürzer wird. Was jetzt aufgeschoben wird, lässt sich später nur schwer aufholen.

          Die Deutschen geben an, bei Anlageentscheidungen zuversichtlich zu sein ...

          Nachdem wir ermittelt hatten, wie die Befragten ihre Ersparnisse und ihre erwarteten Ergebnisse im Ruhestand insgesamt einschätzen, konzentrierten wir uns anschließend auf die Art der getroffenen Entscheidungen und die dahinterstehende Begründung.

          Wie bei den erwarteten Ergebnissen im Ruhestand geben die deutschen Befragten an, bezüglich ihrer eigenen Fähigkeit, Anlageentscheidungen zu treffen, zuversichtlich zu sein. Tatsächlich erklärten 76% der befragten Personen, bei Entscheidungen darüber, wie sie ihr Geld anlegen, zumindest einigermaßen zuversichtlich zu sein. 30% waren dabei sehr zuversichtlich und 46% einigermaßen zuversichtlich.

          Wir fragten die Personen, wo sie ihre Ersparnisse außerhalb ihrer „Notfallrücklagen“ anlegen. Durch die Konzentration auf diese Ersparnisse wollten wir verstehen, welche Anlageformen die Menschen für mittel- bis langfristige Anlagen nutzen und nicht für jene, die für einen einfachen Zugang in Notfällen gedacht sind. Unter den Deutschen, die Ersparnisse auf mehr als eine Anlageklasse verteilen, gaben 29% an, dass der größte Teil ihrer Ersparnisse in Aktien angelegt ist. Weniger beruhigend ist jedoch, dass Barmittel weiterhin eine beliebte Wahl bleiben.

          ... doch Angst hält die Menschen davon ab, in Aktien zu investieren ...

          Warum sind Aktien bei vielen Menschen nicht Teil des Sparportfolios? Für 36% ist die Angst vor Verlusten das größte Hindernis. 23% wissen nicht, wie man in Aktien investiert, und 22% haben diese Möglichkeit bislang gar nicht erwogen. Mehr als vier von zehn Befragten verzichten damit nicht nach einer bewussten Risikoabwägung, sondern vor allem aus mangelnder Vertrautheit oder weil sie das Thema aufgeschoben haben.

          Auffällig ist außerdem, wie verbreitet Kryptowährungen als Sparinstrument sind, besonders in der jüngsten Generation. Risikobereitschaft ist also durchaus vorhanden. Sie fließt jedoch teilweise in spekulative statt in produktive Vermögenswerte.

          ... ebenso wie mangelndes Finanzwissen

          Erfreulicherweise sind die Deutschen der Ansicht, dass Aktien das Potenzial haben, langfristig die besten Erträge zu erzielen. Rund 21% bezeichneten Aktien als die Anlage mit der besten langfristigen Wertentwicklung, gefolgt von Immobilien mit 18%. Diese Rangfolge ist weitgehend vernünftig, und hier schneiden die Deutschen im Vergleich mit dem europäischen Durchschnitt gut ab.

          Weniger ermutigend ist, dass 15% Barmittel für die beste langfristige Anlage halten. Das ist bemerkenswert, weil Barmittel über lange Anlagezeiträume historisch hinter den meisten anderen Anlageklassen zurückgeblieben ist. Die Antwort macht deutlich, dass weiterhin Wissenslücken bestehen.

          Die Ergebnisse zeigen auch Unterschiede zwischen Männern und Frauen: Männer halten häufiger den größten Teil ihrer Ersparnisse in Aktien, Frauen dagegen häufiger in Barmitteln. Neben den bereits beschriebenen Vertrauens- und Wissenslücken wird damit eine weitere Beteiligungslücke sichtbar. Gelingt es, sie zu schließen, könnte mehr bislang ungenutztes Kapital in produktive Anlagen mit höheren langfristigen Ertragschancen fließen.

          Warum erscheinen Barmittel dennoch attraktiv? Ein Grund könnte sein, dass die Zinsen nach fast einem Jahrzehnt nahe null wieder gestiegen sind. Dabei wird leicht übersehen, was Ökonomen als Geldillusion bezeichnen: Entscheidend ist nicht nur der nominale Zins, sondern auch die Inflation. Bringt ein Guthaben 3% Zinsen, wächst ein Betrag von 100 EUR nominal um 3 EUR. Steigen die Preise im selben Zeitraum ebenfalls um 3%, erhöht sich die Kaufkraft jedoch nicht. Nach Steuern kann das Ergebnis noch ungünstiger ausfallen.

          Wissenslücken bei Spar- und Anlagemöglichkeiten können die finanzielle Gesundheit spürbar beeinträchtigen. 100 EUR auf einem Einlagenkonto zu Beginn des Jahres 2002 sind heute nach knapp 25 Jahren nominal 127 EUR wert. Inflationsbereinigt entsprechen sie jedoch nur noch 81 EUR. Eine Anlage derselben 100 EUR in Aktien aus Industrieländern wäre heute nominal 587 EUR und real 347 EUR wert.[1]

          Seit Beginn der Pandemie haben deutsche Privathaushalte 906 Mrd. EUR in Barmittel und Einlagen zusätzlich angespart. Wäre dieser Betrag in Aktien aus Industrieländern investiert worden, läge sein heutiger Wert bei rund 1,8 Billionen EUR. In Barmitteln und Einlagen sind daraus lediglich 987 Mrd. EUR geworden. Die Kombination aus Verlustangst und fehlendem Wissen hat die deutschen Privathaushalte damit in sechs Jahren rechnerisch 843 Mrd. EUR gekostet. Ohne Veränderungen dürfte diese Lücke weiter wachsen.

          Jetzt ist der Zeitpunkt zum Handeln

          Deutsche Privathaushalte sparen viel. Doch ein zu großer Teil des Geldes bleibt in Barmitteln. Das schwächt die langfristigen finanziellen Chancen der Sparerinnen und Sparer und entzieht der deutschen Wirtschaft Kapital für Investitionen. Deshalb ist entschlossenes Handeln nötig.

          Um die Lücke zwischen Sparen und langfristigem Investieren zu schließen, gibt es zwei Wege. Beide ergänzen sich.

          Der erste Weg ist der langfristige: finanzielle Bildung. Sie setzt bei den Ursachen an, die die Umfrage sichtbar macht: Verlustängste, Wissenslücken und fehlende Vertrautheit mit dem Investieren. Finanzbildung sollte in der Schule beginnen, am Arbeitsplatz vertieft und von einer Finanzbranche unterstützt werden, an die sich viele Menschen ohnehin wenden. So kann sich Verhalten nachhaltig verändern. Doch Bildung braucht Zeit, während für die geburtenstarken Jahrgänge mit hohem Sparpotenzial die Zeit für den Vermögensaufbau bereits knapper wird.

          Der zweite Weg kann schneller wirken: politische Maßnahmen. Die Politik kann den Übergang vom Sparen zum Anlegen erleichtern, indem sie Regeln und Anreize neu gestaltet. Dazu gehören automatische Anlagen in breit diversifizierte Lösungen, steuerliche Vorteile für langfristigen Aktienbesitz sowie einfache, kostengünstige Produkte, die zentrale Einstiegshürden senken.

          Die Reform der privaten Altersvorsorge in Deutschland liefert dafür ein konkretes Beispiel. Das geplante Altersvorsorgedepot ist als staatlich gefördertes und steuerlich begünstigtes Anlagekonto für den Ruhestand vorgesehen. Es soll Privathaushalte ermutigen, stärker in Aktien und Fonds zu investieren, statt langfristige Ersparnisse überwiegend als Barmittel zu halten. So könnte die private Säule der Altersvorsorge gestärkt werden.

          Auch die Finanzbranche ist gefordert. Sie kann dazu beitragen, langfristig nicht benötigte Barmittelbestände in Anlageklassen mit höheren Ertragschancen zu lenken. Dafür ist sie gut positioniert, denn viele Menschen suchen dort zuerst Orientierung. 41% der deutschen Befragten nennen ihre Bank als wichtigste Informations- oder Unterstützungsquelle, jeweils 25% Finanzberaterinnen und Finanzberater sowie Online-Finanznachrichten und Websites. Künstliche Intelligenz nennen 21%, soziale Medien oder Finfluencerinnen und Finfluencer 10%.

          Die Finanzbranche genießt damit weiterhin Vertrauen und Aufmerksamkeit über verschiedene Kanäle hinweg. Der persönliche Kontakt bleibt besonders wichtig. Eine breit aufgestellte Mischung aus Anleihen, Aktien und alternativen Anlagen kann nicht nur die erwarteten langfristigen Erträge erhöhen, sondern auch das Verhältnis von Renditechancen und Risiken verbessern.

          Die deutschen Privathaushalte verfügen über das Kapital. Jetzt kommt es darauf an, es so einzusetzen, dass es sowohl der finanziellen Sicherheit der Menschen als auch produktiven Investitionen in die deutsche Wirtschaft dient. So kann aus einer Lose-Lose-Lose-Dynamik eine Win-Win-Win-Situation werden: bessere Ruhestandsperspektiven für Sparerinnen und Sparer, mehr Kapital für deutsche Unternehmen und ein stärkeres Fundament für den politischen Zusammenhalt in Europa. Finanzbildung und politische Maßnahmen müssen dabei Hand in Hand gehen. Jetzt ist der Zeitpunkt zum Handeln.